"Er ging voraus nach Lhasa" von Nicholas Mailänder



Zum Inhalt:
„Die wahre Geschichte hinter dem Mythos“, so beschreibt der Klappentext kurz und prägnant die Biographie über Peter Aufschnaiter. Aber was heißt schon „Mythos? Nun gemeint ist das hier in dem Sinne, dass mit falschen Vorstellungen aufgeräumt wird. Denn ungleich stärker im Bewusstsein der Bergsteiger verankert ist ja nicht Peter Aufschnaiter, sondern Heinrich Harrer, dem mit „Sieben Jahre in Tibet“ unbestreitbar ein Bestseller gelungen ist. Die wahrhaft treibende Kraft der beiden zu Beginn des zweiten Weltkriegs nach Tibet geflüchteten Männer war aber der weitgehend unbekannte Peter Aufschnaiter.

Nicholas Mailänder geht unter Mithilfe von Otto Kompatscher einen interessanten Mittelweg zwischen Biographie und Autobiographie, lässt er doch Aufschnaiter durch Einstreuung farbig hervorgehobener Originalzitate selbst zu Wort kommen. So bekommt der Leser einen unmittelbaren und naturgemäß authentischen Eindruck des Erlebten. Und nicht nur das. Auch Fotos und vor allem die Zeichnungen Aufschnaiters illustrieren eindrucksvoll den Weg einer wirklichen Dokumentation des wechselvollen Lebenswegs von Peter Aufschnaiter.

Dabei wird zunächst dem gesamten Umfeld, in dem sich der Student der Agrarwissenschaften seinerzeit befand mit all seinen historischen und persönlichen Bezügen geschildert. Gerade sein ursprüngliches Verhältnis zum Nationalsozialismus gibt doch zu denken, erleichtert aber durchaus auch eine Annäherung an den Menschen Peter Aufschnaiter. In der Folge wird sehr detailreich die wechselvolle Geschichte der Flucht nach Lhasa, später aus Lhasa geschildert. Hier hätte durchaus manches gestrafft werden können. Wahrscheinlich war die Materialfülle die Ursache, dass eine Auswahl schwer erschien und so lieber zu viel des Guten in das Werk aufgenommen worden. Das wird auch deutlich am sehr umfangreichen Anmerkungsapparat. Hier findet sich Etliches, was über eine Quellenangabe weit hinausgeht. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus mag das schön sein; dem Unterhaltung suchenden Leser erschwert es die Lesbarkeit. Hilfreich ist es in jedem Fall, die Routen, die Aufschnaiter zurücklegte, parallel im aufgeschlagenen Atlas anzusehen. Hinterher hat man jedenfalls eine recht exakte Vorstellung, wie weitläufig Tibet ist. Schön zu lesen ist, wie es Aufschnaiter gelingt, nach der Besetzung Tibets durch die Chinesen in Nepal Fuß zu fassen. Dafür verzichtet er sogar zeitweise auf seine österreichische Staatsangehörigkeit, die er später auf sehr umständliche Art und Weise wieder erlangt. Sein von zwiespältiges Verhältnis zu Heinrich Harrer bleibt immer auch Thema. Ob es am Schluss schlichtweg Neid auf dessen Veröffentlichungerfolge ist, der eine Versöhnung verhindert oder ob dies schlichtweg dem Gesundheitszustand Aufschnaiters zuzuschreiben ist?

Fazit:
Schön an dem Zeit und Muße zum Schmökern fordernden Buch ist jedenfalls, dass im Anhang u.a. kurze Abrisse über den Staat Tibet und den Buddhismus enthalten sind. Das erleichtert das Verständnis und die Lektüre an der einen oder anderen Stelle durchaus.
Insgesamt eine sehr umfangreiche Aufarbeitung des Lebensweges einer bemerkenswerten Person. Zeit zum Lesen sollte man freilich angesichts des Umfangs schon einplanen.

Bezugsquellen:
ISBN: 9783702236939, 414 Seiten
Tyrolia Verlag, Innsbruck, € 29,95

Buchbesprechung vom 06.05.19 © Gipfelsammer Claus im Forum von Alpic.net